Mannheim. Nichts war in den letzten Jahren so beständig, wie ein radikaler Umbruch in Mannheim. Seit die Adler in der Spielzeit 2006 / 07 überlegen die Meisterschaft holten, wollte in der Quadratestadt nichts mehr so recht gelingen. Alleine die vielen Trainerentlassungen seit der Meisterschaft sprechen Bände. Auf Greg Poss folgte Dave King, dann kam Teal Fowler, schließlich Doug Mason und dann wieder Teal Fowler.

Ähnlich turbulent ging es mit der Mannschaft zu. Vor Beginn der Spielzeit 2009/10 wurde quasi der halbe Kader ausgewechselt und es wurde eine Mannschaft zusammengestellt, von der es hieß, sie werde ganz vorne mit Berlin um die Meisterschaft mitspielen. Was folgte weiß jeder. Die Adler schafften es gerade mal so in die Pre-Play-Offs und schieden dort vollkommen verdient gegen hoch motivierte Panther aus Augsburg raus.

Im Nachhinein musste man feststellen, die Mannschaft war überaltert, langsam, behäbig und mit zu vielen Spielern durchsetzt, die überbezahlt waren und lustlos ihre Kringel auf dem Eis drehten. Schnell wurde auch offensichtlich, dass man ein Star-Ensemble zusammengestellt hatte, das nie ein harmonisches Team wurde.

Umbruch

In der Sommerpause folgte das große Aufräumen. So wurden auch etliche, noch gültige Verträge, aufgelöst. Was viel Geld gekostet haben dürfte, aber wohl alternativlos war. So mussten Andy Hedlund, Pascal Trepanier, Chris Schmidt, Felix Petermann, Tomas Martinec, Colin Beardsmore, Colin Forbes und Michael Hackert den Verein verlassen. Darüber hinaus verließ leider Top-Talent Benedikt Brückner das Team in Richtung Straubing.

Manager und Philosophie

Marcus Kuhl ist nun offiziell Sportdirektor der Adler. - © by ISPFD (sportfotocenter.de)

Doch weit gewaltiger als der Umbruch im Team ist der Abschied von Manager Marcus Kuhl zu bewerten. Der ehemalige Nationalstürmer galt jahrzehntelang als bestimmender Faktor oder gar Alleinherrscher im Mannheimer Eishockey. Letztlich wurden seine Kritiker aber immer lauter und er ist schließlich mit seiner Philosophie, immer nur auf alternde Kandier und Deutsch-Kanadier zu setzen, gescheitert. Viele Experten, Fans und Zuschauer verstanden einfach nicht, warum sich die Mannheimer das teuerste Nachwuchsprojekt der Liga mit den Jungadlern leisteten, aber nie ein Talent in den Kader eingebaut wurde. Stattdessen hatten die Mannheimer, und hier maßgeblich Marcus Kuhl, jeden Crack an den Neckar geholt, dessen Name auch nur  irgendwie kanadisch klang.

Mit dem Abgang von Marcus Kuhl noch im Laufe der letzten Saison bzw. seiner „Beförderung“ zum Sportdirektor scheint nun eine neue Philosophie bei den Adlern eingekehrt zu sein. Inwieweit sie Bestand hat, muss  man abwarten. Doch eines ist jetzt schon ersichtlich. Das Gesicht der Mannschaft ist deutlich jünger und deutscher geworden. Dazu kommt, dass man nicht mehr großspurig von der Meisterschaft oder gar der Rolle als Eisbärenjäger spricht, sondern sich konsolidieren und langsam ein erfolgreiches Team aufbauen möchte.

Trainer

Adlercoach Harold Kreis hatte wieder einige Treffer zu notieren. - © by Sven Grönberg, Eishockey-Magazin

Mit Harold Kreis wurde schon zu Ende der letzten Spielzeit der Wunschcoach verpflichtet. Neben seiner ruhmreichen Vergangenheit als Nationalverteidiger in Mannheim bringt Kreis mittlerweile auch eine große Erfahrung als Trainer in der Schweiz und Deutschland, zuletzt in Düsseldorf, mit.

Harold Kreis vollzog einen  Paradigmenwechsel, als er verkündete, dass er das Augenmerk in erster Linie auf den deutschen Nachwuchs lege, danach gelte es Nationalspieler nach Mannheim zu holen und erst dann stünde in der Priorität die Verpflichtung ausländsicher Cracks an.

In der Vorbereitung agierte Kreis denn auch konsequent mit einer vierten Linie aus Spielern, die im vergangenen Jahr noch überwiegend im Junioren-Bereich oder in der 2. Liga bei Heilbronn spielten: Marc El-Sayed und Matthais Plachta, sowie dem schon etwas routinierterem Frank Mauer. Dazu kam Toni Ritter und Verteidiger Corey Mapes.

Mannschaft

Das Team ist jünger und deutscher. Es besteht nicht mehr nur aus Häuptlingen, sondern auch aus jungen Spielern, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen.

Mit ihr wird es in dieser Saison keinen Durchmarsch geben. Vielmehr soll ein Team aufgebaut und geformt werden, das in der übernächsten Saison wieder nach den Sternen greifen kann.

Keine Veränderungen gab es im Tor. Hier ist Brathwaite die absolut überragende Nummer eins. Die Abwehr ist mit Nationalspieler Robert Dietrich und dem Kanadier Michel Periard beweglicher und defensiv stärker geworden. Mehr Torgefährlichkeit als im letzten Jahr erhofft man sich von Mario Scalzo und Jame Pollock. Insgesamt standen aber nur sechs gestandene Verteidiger zur Verfügung. Nachdem sich Sven Butenschön im letzten Vorbereitungsspiel gegen die Eisbären verletzt hat und mindestens fünf Wochen ausfällt, haben die Adler hier noch nachgelegt. Kurzfristig wurde der 24jährige David Cespiva von den Kassel Huskies verpflichtet. Mittelfristig wird aber sicher noch ein starker Kanadier hinzukommen. Was auch möglich ist, da man erst neun Ausländerstellen vergeben hat.

Im Sturm stehen Coach Harold Kreis drei Reihen aus erfahren Spielern zur Verfügung. Dazu kommen drei hungrige, ehemalige Jungadler: Marc El-Sayed, Matthias Plachta und Toni Ritter. Von ihnen zu viel zu erwarten wäre falsch. Die anstehende Saison wird für die drei eine Spielzeit des Lernens werden.

Um die etwas dünne Spielerdecke zu verstärken, wurde vor wenigen Tagen der Kasseler Manuel Klinge verpflichtet. Der Nationalspieler stellt sicherlich eine Bereicherung dar.

Tor:

Fred Brathwaite ist die absolute Nummer eins und wohl einer der ganz wenigen wirklichen Top-Stars der Liga.

Lukas Lang: Eine sehr gute Nummer zwei, hat tolle Spiele in der European Trophy abgelegt. Sollte seine Eiszeiten bzw. seine Spiele erhalten. Ob er in Zukunft mal die Nummer eins werden kann, ist offen. Dies wird die Saison zeigen. In der vergangen Spielzeit hatten sich Licht und Schatten noch abgewechselt, wenn eindeutig das Licht überwog.

Felix Brückmann: Ein Top-Nachwuchsmann. Er hatte gute Spiele in der Vorbereitung gemacht. Wird aber wohl überwiegend in Heilbronn zum Einsatz kommen.

Abwehr:

Michel Periard. Hinterließ einen guten Eindruck in der Vorbereitung. Seine Stärke, ein absoluter Zwei-Wege-Verteidiger. Hinten genauso stabil wie vorne aktiv.

Robert Dietrich: Für ihn gilt ähnliches wie für Periard. Ein guter Zwei-Wege-Verteidiger. Sehr gut sein Blick nach vorne. Ist sehr beweglich.

Sven Butenschön: Ein typischer „Stay at Home“ Verteidiger. Seine Stärke ist das Abräumen vor dem eigenen Kasten. Er weiß, was er kann und was er nicht kann. Spielt dementsprechend. Einziger Fehler, etwas zu langsam. Eine schwere Knieverletzung zwingt ihn nun mindestens fünf Wochen zum Zuschauen.

Jame Pollock: War eine der großen Enttäuschungen im letzten Jahr. Er war als Offensiv-Verteidiger eingekauft worden, der viele Tore schießen und das Angriffspiel ankurbeln sollte. Konnte aber weder vorne noch hinten überzeugen. Muss sich in dieser Saison gewaltig steigern.

Mario Scalzo: Im Spiel nach vorne klasse. Der wohl torgefährlichste und schussstärkste Verteidiger. Seine Schwäche ist der defensive Bereich. Hier muss er gewaltig zulegen.

Denis Reul: Die Entdeckung der letzten Spielzeit. Als Nachwuchsmann  aus Kanada zurückgekommen, sollte er in die DEL hineinschnuppern. Alleine schon aufgrund seiner Körpergröße ein Brecher, an dem niemand so leicht vorkommt. War zeitweise bester Verteidiger in der abgelaufen Saison. Hat viel im Aufbauspiel nach vorne dazugelernt.  Ihm steht eine große Zukunft bevor. Ist nur zu hoffen, dass er noch lange in Mannheim bleibt

Corey Mapes: Spielte im vergangen Jahr noch bei den Jungadlern. Machte seine Sache in der European Trophy gut, wo er viel Eiszeit als sechster Verteidiger bekam. Die DEL ist sicher noch ein Jahr zu früh. Aber ein Mann mit Perspektive.

Domink Bittner: Auch er war im vergangenen Jahr noch bei den Jungadlern. Ihn plagt seit den Play-Offs mit den Jungadlern eine Handverletzung. Ist zu hoffen, dass diese bald endgültig auskuriert ist.

David Cespiva: Der Verteidiger kommt aus dem Jungadler-Projekt und spielte bereits für Mannheim sowie für Nürnberg und Krefeld in der DEL. Den ganz großen Durchbruch hat er in der DEL allerdings noch nicht geschafft. Für die vierte Verteidigungsreihe aber ein inzwischen gestandener Spieler. Durch die Verletzung von Sven Butenschön nun sogar unter den sechs Top-Verteidigern.

Sturm:

Nathan Robinson: Ein Techniker, Trickser und Spielmacher, an dem sich die Geister scheiden. Für die einen ist er zu verspielt und zu egoistisch, für die andern der geniale Spieler, der auch mal Pucks verteilen kann und ein Auge für den Nebenmann hat. In der letzten Saison sagte man ihm nach, er hätte Probleme gehabt sich ins Mannschaftsgefüge einzufinden. In der Vorbereitung machte er tolle Spiele und war häufig bester Mannheimer Angreifer.

Craig MacDonald: Arbeiter und Kämpfer. Kam aus Düsseldorf und hat in der Vorbereitung gezeigt, wie wertvoll er für die Mannschaft sein kann, denn er geht dorthin, wo es wehtut.

Craig MacDonald, hier im Spiel gegen Faerjestad, soll ebenfalls das Angriffsspiel der Adler beleben. - © by Sven Grönberg, Eishockey-Magazin

Scott King: Konnte in der letzten Saison als Torjäger nicht immer überzeugen, spielte aber eine solide Saison. Vielleicht platzt dieses Jahr der Knoten.

Marcus Kink: Großer Kämpfer und sehr mannschaftsdienlich. Er spielt mit und auf den Körper, zeigt stets Präsenz und ist trotz seines Alters einer der Leitwölfe.

Toni Ritter: Kommt ursprünglich von den Jungadlern, ist dann in die Juniorenliga nach Kanada gewechselt und nun zurück in Mannheim. Gute Ansätze in Vorbereitung.

Frank Mauer: War vor zwei Jahren der Shooting-Star. Konnte in der vergangen Spielzeit dort nicht weitermachen. Zudem warf ihn eine Verletzung zurück. Muss in diesem Jahr zeigen, dass er inzwischen ein gestanden DEL-Crack ist.

Yannic Seidenberg: Großer Kämpfer, der in der letzten Saison aber etwas unterging. Auch für ihn ein Jahr der Bewährung. Von ihm werden auch mehr Tore erwartet.

Francois Methot: Großer Techniker, der immer schön spielt, doch war er im letzten Jahr zu ineffizient. Auch von ihm werden mehr Tore und Vorlagen erwartet.

Matthais Plachta: In der abgelaufenen Saison in Heilbronn aktiv. Wird in dieser Spielzeit seine Eiszeit bekommen. In den bisherigen Spielen zeigte er eine tolle Einstellung und eine gute Leistung. Wird seinen Weg gehen, ist eine der Zukunftshoffnungen.

Ronny Arendt: Einer der wenigen Spieler, der in der vergangen Saison überzeugen konnte. Ihn zeichnet sein nimmermüder Einsatz und der große Kampf aus. Unheimlich  wichtig für das Team.

Justin Papineau: Soll einer der großen Torjäger im Team werden. Bei ihm gibt es sicher noch viel Potential nach oben, das er im letzten Jahr nicht immer zu zeigen vermochte.

Marc El-Sayed: Wie Plachta steht er nach einem Jahr 2.Liga nun auf dem Sprung in die DEL. Wird seine Chancen bekommen. Hat sehr gute Vorbereitungsspiele gezeigt und dabei eine tolle Einstellung gezeigt.

Manuel Klinge: Der Nationalspieler aus Kasel dürfte eine echte Verstärkung werden. Ist durch den Konkurs der Huskies erst kurzfristig zu den Adlern gestoßen. Soll am Freitag gegen München auflaufen.

Fazit: Wie gut die Mannschaft letztlich ist, kann noch niemand genau sagen. Dazu hat man in der Vorbereitung in der European Trophy fast nur gegen ausländische Mannschaften gespielt (Ausnahme Berlin). Neben viel Licht gab es dort aber auch Schatten. So sahen die Zuschauer tolle Matches gegen Färejestad und Djurgardens, mussten aber auch  Klatschen wie gegen Prag hinnehmen. Insgesamt hinterließ die Mannschaft aber einen guten Eindruck. Auch wenn eine Bewertung schwer fällt, da in der European Trophy nicht so sehr auf den Körper gespielt wurde und mehr technisches Eishockey im Vordergrund stand. Wie es im harten DEL-Alltag aussieht, wird sich zeigen müssen.

Zwei entscheidende Dinge sind im Team bzw in der gesamten Adler-Organisation aber passiert: Man hat die Mannschaft verjüngt und deutscher gemacht. Darüber hinaus ist man demütiger geworden, spricht nicht mehr von der Meisterschaft und davon Eisbärenjäger zu sein, sondern möchte langfristig ein Top-Team aufbauen. Das Ziel für dieses Jahr ist das direkte Erreichen der Play-Offs, möglichst unter den ersten vier Clubs.

Nun wird sich auch zeigen, ob die Zuschauer für ein langfristiges Projekt die Geduld haben oder ob nach durchschnittlichen Leistungen sofort wieder Unmut gezeigt wird. Denn eines ist auch klar, mit jungen Spielern muss man Geduld haben und ihnen auch Fehler zugestehen. Und solche Fehler werden passieren und werden auch Spiele kosten. Doch langfristig kann das „Projekt“ zu einem Erfolg werden. Und dies über Mannheim hinaus für das gesamte deutsche Eishockey. Denn mit jungen deutschen Teams, mit Cracks, die aus der Jungend kommen und die die Nationalmannschaft stark machen, kann Eishockey vielleicht wieder in der Sympathiekurve zulegen und Fans für den Pucksport zurück gewinnen.

(Gernot Kirch)

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